Begriff
Die wirkliche Bedeutung des Wortes "Gabbeh" wird sich - auch wegen der wahrscheinlich
eingetretenen Lautverschiebungen - sprachgeschichtlich kaum ermitteln lassen, zumal
die persische Umgangssprache einen hohen Anteil von Lehnwörtern, vor allem aus dem
Arabischen, aber auch aus dem Türkischen und anderen Sprachen enthält. In keiner der
infragekommenden Sprachen, wie sie heute gesprochen werden, gibt es das Wort "Gabbeh"
mit einer anderen als der Bedeutung für diese Teppiche.
[nach oben]
Mögliche Deutung
Ableitung aus dem ins persische übernommenen arabische "kabih", was soviel wie
"gewöhnlich, seltsam, häßlich" bedeutet. Diese Deutung scheint zunächst schlüssig,
wenn man das ungewöhnliche Erscheinungsbild der Gabbeh mit dem anderer persischer
Teppiche vergleicht. Berücksichtigt man dagegen sowohl die uralte lurische Tradition
dieser Teppiche, ihre aus den Mustern abzuleitende mystische Schutzfunktion gegen
allerlei Übel dieser Welt und ihre entsprechende Verwendung, scheint mehr eine
Ableitung aus dem Altpersischen am sinnfälligsten. So kann nach neueren Forschungen
als wahrscheinlich angenommen werden, daß sich das heutige Wort "Gabbeh" aus dem
awestischen "gairè" ableitet. Dies bedeutet (nach Christian Bartholomae,
Altiranisches Wörterbuch, Straßburg 1904) "zu wachen über". Der Zusammenhang wird
deutlich, wenn man die ungebrochene Existenz und Ausübung der vorislamischen
mystischen und naturreligiösen Kulte in dieser Gegend in die Betrachtung einbezieht.
Dabei spielt eine Vielzahl von Geistern (Djen und Pari), Dämonen und Dämoninnen,
Zauberern und "Hexen", die sich in das Leben der Menschen "einmischen" eine Rolle.
Zusammenhänge mit dem Schamanismus und dem Glauben an Talismane runden das Bild einer
Gesellschaft ab, in der Schutz vor bösen Geistern eine absolut ernstzunehmende Rolle
spielt. Dieser wird zum Teil durch die Verwendung von Symbolen (in den Teppichen), die
eine Funktion als "Wächter der Menschen" ausüben, gesucht.
[nach oben]
Herkunft
Gabbeh werden von den Kaschkai, Luren, Bakhtiaren, Boyer Ahmad, Mamassani, Khamseh,
Afscharen und nomadisierenden Arabern in der südwestiranischen Provinz Fars geknüpft.
Sie stammen damit aus dem Kernland der Perser mit dem unweit von Schiras gelegenen
Persepolis. Ursprünglich wurden sie dort ausschließlich für den Eigenbedarf der
Nomaden hergestellt. Es gibt sie bereits seit mehreren hundert Jahren, doch sind, wie
bei den meisten Nomadenteppichen, keine sehr alten Exemplare erhalten. Ihr Ursprung
ist auf die Entstehungszeit der Teppichknüpfkunst in Persien zurückzuführen.
[nach oben]
Symbolik
Es ist kaum möglich, am Ursprung zu ermitteln, was die verschiedenen Zeichen und
Zeichnungen in den Gabbeh bedeuten, die vor allem aus dem "ketabe telesm", dem
kabbalistisch-astrologischen Zauberbuch der Schamanen stammen. Da der Inhalt dieser
Bücher aus seltsamen Zeichen und Buchstaben besteht, ist er für den nicht
Eingeweihten völlig unverständlich. Aufgrund der einschlägigen Sekundärliteratur kann
aber kein Zweifel daran bestehen, daß Formen, Farben ebenso wie eingeknüpfte Zeichen
und Zeichnungen, die nach westlichem Verständnis gestalterische Elemente zu sein
scheinen, für die Knüpfer in der Regel nicht nur tiefe Bedeutung, sondern sogar eine
reale "Aufgabe" haben.
[nach oben]
Ornamentierung
Die Ornamentierung von Gabbeh ist besonders großflächig; die Musterung ist häufig
nicht symmetrisch. Nicht selten ist die Zeichnung von Recht-, Vier-, Sechs- und
Achtecken oder Rauten schief und unproportioniert; dabei sind sie oft auch
unregelmäßig in das "Bild" des Teppichs eingefügt. Eine Besonderheit der bunten Gabbeh
sind ihre ausdrucksvollen, starken, bisweilen leuchtenden Farben.
[nach oben]
Technik
Gabbeh sind relativ grob geknüpfte Teppiche mit maximal 100.000 Knoten pro
Quadratmeter. In der Regel liegt die Knüpfdichte sogar unter 70.000 Knoten. Die
Knüpffäden bestehen aus zwei kräftigen Fäden, die zu einem dicken Garn zusammengedreht
sind. Der Gabbeh ist traditionell hochflorig. Die Anzahl der eingetragenen Schußfäden
zwischen den Knüpfreihen liegt meist zwischen 4 und 12(!) die fest angeschlagen werden
(bei anderen persischen Teppichen werden 1-4 Schußfäden verwendet, in der Regel aber
2). Bei der Knüpfung wird ebenso der persische (Senneh-) Knoten als auch der türkische
(Ghiordes-) Knoten verwendet, mitunter sogar in ein und demselben Stück. Die hohe
Anzahl der Schußfäden führt in Kombination mit dem starken Knüpfmaterial und der
daraus resultierenden recht groben Knüpfung, zu einem recht urwüchsigen
Erscheinungsbild. Das Wollmaterial (Schaf- und Ziegenwolle), das auch im Grundgewebe
Verwendung findet, ist jedoch meist von ungewöhnlich guter Qualität, was den Teppichen
einen hohen Gebrauchswert verleiht. Gabbeh haben häufig keine Fransen, manchmal nur an
einer Seite, seltener auch an beiden. Die Ober- und Unterkanten sind dann gewebt,
umgelegt und angenäht.
[nach oben]
Der Handel heute
Bis Mitte der 80er Jahre kamen Gabbeh nur selten und vereinzelt auf den Markt. Die
meisten Stücke waren aus ungefärbter Wolle gefertigte Exemplare, da man die stark
farbigen Teppiche als für den europäischen Markt nicht geeignet erachtete. Später
tauchten auch solche Stücke am Markt auf und erfreuten sich wider Erwarten binnen
kurzer Zeit großer Beliebtheit. Anfang der 90er Jahre setzte dann ein regelrechter
Boom ein. Die Folge davon war eine stark gestiegene Produktion in Persien. Muster und
Farben wurden für den Export ebenso verändert wie die Verarbeitung der Stücke, die
jetzt noch dicker und schwerer wurde.
Die heutige Produktion ist stark exportorientiert, kommt aber nach wie vor aus den
Ursprungsgebieten. Daneben haben zahlreiche andere Gebiete in Persien mit der
Produktion begonnen, fertigen jedoch fast durchgehend schlechtere Qualitäten. Weitere
Plagiate kommen mittlerweile aus Indien, Afghanistan, China und der Türkei. Diese
Stücke zeichnen sich durchweg durch mehr oder weniger schlechte Qualitäten und
statische Muster aus. Die Preise für persische Gabbehs variieren, je nach Qualität des
Materials, der Verarbeitung und Färbung um mehrere hundert Prozent, während die
ausländischen Plagiate ( Indien, China, Afghanistan, Pakistan etc.) zum Teil noch
erheblich darunter liegen.
In unserem Haus führen wir nur die besten Qualitäten aus den Ursprungsgebieten in der
Provinz Fars, die auch heute noch von Nomaden und Halbnomaden aus hervorragenden
Materialien hergestellt und z. T. noch mit Naturfarben gefärbt werden. Da es sich
beim Gabbeh-Teppich nie um einen sehr fein geknüpften Orientteppich handelt, ist die
Feinheit der Knüpfung auch kein Kriterium bei der Preisfindung; vielmehr spielt die
Qualität des Materials, der Färbung und Verarbeitung die entscheidende Rolle, die
jedoch nur vom Fachmann mit viel Erfahrung beurteilt werden kann. Wir kaufen die Ware
direkt im Ursprungsland nach diesen Kriterien ein, beachten dabei aber
auch geschmackliche Kriterien in den Farben und Mustern, was insgesamt zu einem
ausgewogenen, vielfältigen Sortiment bester Gabbeh-Teppiche führt. Spezielle Maße und
besonders schlicht gemusterte Stücke in klaren Farbtönen lassen wir als
Auftragsarbeiten fertigen.
[nach oben]
|