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"Der große Nepp"

Quelle: ARD-Ratgeber Geld, ausgestrahlt am 14.03.2005

Der große Nepp

Sonderangebote, Räumungsverkäufe, massive Preisreduzierungen - die bunten Teppich-Prospekte und Zeitungsbeilagen kennt jeder. Mit bis zu 80 Prozent Nachlass werben viele Teppichhändler um neue Kunden. Doch wie günstig sind die angeblichen Schnäppchen wirklich? Das wollen wir genauer wissen und machen uns auf die Suche.

Erste Station unseres Testkäufers: ein großes Münchner Teppichgeschäft mit Lagerverkauf. Bis zu 70 Prozent Nachlass soll es hier auf echte Orient-Teppiche geben. Wir interessieren uns für zwei Stücke und dürfen die Ware vor dem Kauf zur Ansicht mitnehmen. Unser Favorit: ein Nain - herabgesetzt von 5.560 auf 3.000 Euro. Ein tolles Angebot, wie es scheint.

Vor dem Kauf wollen wir den Teppich allerdings noch von einem anerkannten Gutachter beurteilen lassen. Für 200 Euro prüft er das gute Stück genau - von der Herkunft über Material und Knüpftechnik bis hin zum reellen Wert.

Teures Stück statt günstiges Schnäppchen

Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei dem Teppich handelt es sich zwar tatsächlich um einen Nain, aber den ursprünglich ausgezeichneten Preis von mehr als 5.600 Euro hält der Experte schlichtweg für überhöht. Mehr als rund 2.600 Euro dürfte er seiner Ansicht nach nicht kosten. Von wegen Schnäppchen also! Selbst die 3.000 Euro, die wir nach der angeblichen Preisreduzierung bezahlen sollen, sind also noch zu viel.

Wir bringen den Teppich zurück und stellen den Händler zur Rede. Der allerdings versucht, sich herauszureden: Immerhin habe er den Teppich um fast 50 Prozent reduziert. Und bei Orientteppichen gebe es sowieso keine reellen Preise.

Erst kräftig aufschlagen - und dann wegen Räumungsverkaufs oder anderer Aktionen den Preis wieder reduzieren - eine Masche, mit der Händler anscheinend immer öfter Kunden hereinlegen. So sieht es auch Otto Kiehl von der Handelskammer Hamburg: "Geiz ist geil - ein Motto unserer Zeit. Und so scheint man auch dem Verbraucher zu suggerieren, er könne hier außerordentliche Preisvorteile erleben. Früher waren es bis zu 50 Prozent Nachlass, heute müssen es schon bis zu 80 Prozent sein."

Falsche Angaben - hoher Preis

Wir wollen unser Glück ein zweites Mal versuchen. In einem ehemaligen Güterbahnhof in Hamburg findet im Auftrag eines Berliner Finanzamtes ein öffentlicher Pfandverkauf statt. Zahlreiche gepfändete Orientteppiche sollen mit einer Preisreduzierung bis zu 75 Prozent veräußert werden - klingt eigentlich seriös.

Wir suchen uns wieder einen Teppich aus. Da wir ihn in diesem Fall nicht zur Ansicht mitnehmen dürfen, kaufen wir ihn. Der Preis: 130 Euro statt ursprünglich 550 Euro.

Angepriesen wird uns dieses Stück als echter Nain - das Material: angeblich Wolle mit Naturseide. Doch Siawosch Ulrich Azadi, öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter, kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: Weder handele es sich um einen echten Nain, sondern um ein Stück in schlechterer Kashmar-Qualität. Außerdem: Eine so genannte Brennprobe beim Fachmann ergibt, dass statt der angeblichen Seide lediglich Baumwolle verarbeitet wurde. Besonders ärgerlich: Der Wert wird von unserem Gutachter mit gerade einmal 50 bis 60 Euro angegeben.

130 Euro - also mehr als das Doppelte - haben wir für den Teppich nach der Preisreduzierung noch bezahlt. Auch hier kann also von einem echten Schnäppchen wohl kaum die Rede sein.

Erstaunte Auftraggeber

Wir wenden uns daher an die Berliner Senatsverwaltung für Finanzen, denn immerhin findet der Pfandverkauf im Auftrag eines ihrer Finanzämter statt. Hier zeigt man sich vom Ergebnis unserer Recherchen überrascht. Matthias Kolbeck von der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen:

"Es kann nicht angehen, dass bei der Verwertung von gepfändeten Gütern unsaubere Geschäftsmethoden angewendet werden. Deswegen haben wir jetzt eine Überprüfung dieses Vorfalles veranlasst und haben ebenfalls veranlasst, dass bis dahin der Verkauf vorläufig ruht. Denn wenn an dieser Sache was dran ist, müssen auch Konsequenzen gezogen werden."

Unsere beiden Testkäufe zeigen es also deutlich: nicht immer ist auf Nachlass auch Verlass. So manches reduzierte Stück kann sich im Nachhinein als Fehlkauf erweisen.

Wichtige Tipps

Damit Sie beim Teppichkauf nicht in eine Preisfalle tappen, hier unsere Tipps:

  • Sie sollten unbedingt die Preise vergleichen - und das am besten bei mehreren Händlern; manche Teppiche sind trotz Rabatt ihr Geld nicht wert.
  • Bei hochwertigen Teppichen lohnt es sich in jedem Fall, vor dem Kauf ein neutrales Gutachten anfertigen zu lassen; Adressen von Sachverständigen gibt es bei den Industrie- und Handelskammern.
  • Auf der Rechnung sollten genaue Angaben über den Teppich stehen: das Material, die genaue Herkunft oder die Anzahl der Knoten zum Beispiel; bei antiken Sammlerstücken sollte auch Alter und Zustand des Teppichs vermerkt sein.

Und grundsätzlich gilt:
Nur wenn der Kunde später beweisen kann, dass ihm die Ware mit falschen Behauptungen schmackhaft gemacht wurde, hat er eine Chance, sein Geld zurück zu bekommen. Ist das nicht der Fall, hat er Lehrgeld bezahlt - und muss sich wohl oder übel mit dieser teuren Erkenntnis zufriedengeben.

(Bericht: Johannes Thürmer / Lisa Wurscher)
(Stand: Mitte März 2005)



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